Bergfest

Irgendwie komisch ist das. Einerseits zähle ich die Tage bis fertig. Andererseits habe ich täglich neue kleine Erlebnisse, die diesen Aufenthalt hier so wertvoll machen. Für mich und hoffentlich auch für die Chaurikharkianer. Heute Morgen wurde ich gestellt. Nichtsahnend begab ich mich auf leicht gepuderzuckerten Wegen, bei kristallklarer Luft (der erste Niederschlag, den ich hier erlebte, bzw. verschlief) zu meiner Baustelle, als mich im Ortszentrum Chaurikharkas Tenzing Sherpa in sein Haus zog und mir einen Tee oktroyierte.

Ein sehr gepflegter Herr mit ausgezeichneten Englischkenntnissen. Wie viele Sherpa ein Trekking- und Bergführer und seines Zeichens der Vizebürgermeister von Chaurikharka. Wir sprachen kurz über mein Ansinnen, Geschenke für Chaurikharka zu sammeln und meine Tätigkeit als Maurer. Nebenbei erfuhr ich, dass Ang Kaila, mein Bauherr, der erste Bürgermeister von Chaurikharka ist. Ich baue also das Haus des Bürgermeisters. Nun ist es natürlich nicht so, dass der Bürgermeister einer 56-Haus-Gemeinde in Nepal der große Zampano ist. Bescheiden genug jedenfalls ist er, um es nicht zu erwähnen und arm genug, um acht Monate im Not-Zelt des Deutschen Roten Kreuzes zu wohnen.

Zuerst hat er den anderen beim Wiederaufbau geholfen, unter anderem Pemba. Ein weiteres, ihm wichtigeres Projekt als sein eigenes Haus, war die Wiedererrichtung der „Gemeindehalle“. Als letztes nimmt er sein eigenes Haus in Angriff, fehlendes Geld war natürlich ein gewichtiger Grund.

Ob sie nun (Vize-)Bürgermeister oder (Vize-)Präsident der Bürgerversammlung sind oder etwas ganz anderes, weiß ich nicht genau, dazu kenne ich die Strukturen zu wenig. Jedenfalls sind die beiden, Ang Kaila und Tenzing Sherpa ab sofort vier weitere Augen, die darauf achten, dass unsere Geschenke an die Bedürftigsten gehen. Und zwar direkt. Bargeld in die Hand derer, die es brauchen. Es entstehen keinerlei Zwischenkosten und sechs Augen, die sich gegenseitig „kontrollieren“ geben mir ein sehr gutes Gefühl.

Das Bürgermeister-Haus wuchs auch heute, mir wurde nicht ein Stein wieder aus der Mauer gerissen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob wirklich alles einigermaßen fehlerfrei war oder ob sie auch keine Lust mehr haben, mir ständig auf die Finger zu gucken. Meinem Selbstwertgefühl tut das natürlich gut. Sitaram, der Chef der Truppe, hat trotz Analphabetismus echte Führungsqualitäten. So stellte er sich teilweise neben mich, nahm den völlig unpassenden Stein von mir, behaute ihn kurzerhand und erklärte mir dann: „here flat, here flat and not too high, understand? No angry!“ Weg war er. Zwei Stunden später kam er wieder an, beäugte die leidlich gerade Reihe und sagte: „Perfect!“ Dass das natürlich gelogen war, dass sich die noch nicht eingesetzten Dachbalken bogen, muss ich nicht erwähnen. Aber das Prinzip Mitarbeitermotivation hat er bestens verstanden.

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Puderzucker und wer genau schaut, sieht ein startendes Flugzeug

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Ortsausgang Lukla

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Arbeitsweg

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Winterhartes Gemüse der Selbstversorger

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Nachbars Haus wächst schneller, weil kleiner

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Aber auch des Bürgermeisters Haus kann sich sehen lassen

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Feierabend, links im orangefarbigen Anorak mein Arbeits-Buddy, Bim

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Dass die kleinen Kinder so viel tragen müssen, ist schon tragisch

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Tee-Einladung auf dem Heimweg, der Abgebildete war schon sechsmal auf dem Gipfel des Mount Everest

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Ein ganz normales Sherpa-Haus mit offenem Feuer im Zimmer (ohne Kamin, der Rauch zieht durchs löchrige Dach ab), das Küche, Schlaf-, Ess- und Wohnzimmer ist. Hinein geht es durch den Kuhstall, der nur durch eine kleine Treppe getrennt ist.

1 Antwort : “Bergfest”

  1. Sima sagt:

    „No angry“…. jetzt musste ich aber wirklich laut lachen! Es ist wirklich spannend deine Berichte zu lesen. Ich hoffe sooo sehr, dass es einfach mal kein Erdbeben mehr in der Region geben wird.
    Alles Gute zum Bergfest.

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