Wachstum

Das Haus wächst deutlich. Vielleicht vier, fünf Prozent pro Tag. Was wächst noch? Die Wahrscheinlichkeit, dass wieder ein Erdbeben alles niederreißt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Nepal noch mehr ausblutet, weil sich die grenznahen Bevölkerungsgruppen nicht mit der neuen Regierung einigen können. Und die Inder nichts unternehmen, um die Blockade der Grenze aufzulösen oder die Blockade vielleicht sogar gut finden. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kathmandu irgendwann im Dreck und Chaos erstickt, wächst auch. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich China oder Indien den zwischen ihnen eingequetschten Zwergstaat einverleiben, wächst auch.

Hier auf dem Land ist alles besser. Das Wasser ist sauber, die Luft auch, das Gemüse wächst und die Tiere sind gesund. Alle sind fröhlich. Ich verstehe natürlich nach wie vor kein Wort, aber alle lachen immer. Mit mir, ohne mich, über mich. Alle essen zusammen, trinken zusammen Tee und helfen sich. Mir erscheint das sehr achtsam.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich nach dem „Urlaub“ mehr als drei Worte Nepali und zwei Worte Sherpa-Sprache kann, wächst gen Null. Hat aber auch was Entspanntes, sich nicht um Konversation bemühen zu müssen. Ich sitze einfach da, schaue freundlich und genieße den Klang.

Die Sherpa haben ihre eigene Sprache, können aber auch ein bisschen Nepali. Die Arbeiter sind allesamt keine Sherpa, sondern Hindus aus dem Nicht-Sherpa-Land. Deswegen sprechen sie Nepali. Die Einwohner ab Lukla aufwärts sind meistens Sherpa. Ich kann nicht mal die Sprachen auseinanderhalten.

Es wächst die Zuversicht auf bessere Zeiten und die meisten tun auch was dafür. Die Generation der jetzigen Eltern haben oft keine Schulbildung und viele, viele Geschwister. Sie selbst haben maximal drei Kinder und schicken die alle in die Schule. Der Analphabetismus wächst negativ, das Beherrschen der englischen Sprache positiv. Das ist wahrscheinlich das wichtigste Wachstum, nicht nur für Nepal. Schulbildung, um nicht Träger zu werden. Viele gehen dazu nach Kathmandu. Wenn Kathmandu im Dreck und der Blockade oder unter dem Druck aus China und Indien versinkt, ist es aus. Dünnes Eis in einem der ärmsten Länder der Welt.

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Es sind gerade Ferien in der Region

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Nicht hier

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Die Küche in der Notunterkunft. Yangjee kocht köstlich für mich.

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Verdauungsschläfchen

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Kleine Einkaufspause bei vorbeiziehenden Kleidungshändlern, made in China, Qualität unterirdisch.

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Salztee mit Butter und Tsampa (Mehl aus gerösteter Gerste)

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Feierabend für mich

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Das ist auch ein Haus, die Höhle mit der Platte davor

2 Antworten : “Wachstum”

  1. Beate Kammer sagt:

    Endlich alles gelesen, sehr sehr beeindruckt, schon nach dem Marathon dachte ich, Hut ab, nun werfe ich alle alle verfügbaren Hüte und hab natürlich auch gleich sofort endlich ein bisschen was geschenkt.
    Allerbeste Grüße Beate

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