Steine

Zuerst wollte ich diesen Artikel „Selbstzweifel“ nennen. Über Steine zu schreiben, erscheint mir jedoch weniger uninteressant.

Es gibt große und kleine, harte und weiche, schwere und leichte, dunkle und helle, gerade und krumme, scharfe und stumpfe, kalte und warme, gerissene und nicht gerissene, bröselnde und eisenhart konglomerierte, duftende und schweflige und so weiter.

Passt alles auch auf Selbstzweifel? Gut so.

Das Maurern in Deutschland ist ja ein Lehrberuf, der drei Jahre dauert. Da werden auf den Millimeter genau produzierten Steine mit dem Lastwagen abgestellt und man bedient sich einfach blind von der Palette. Ein Freund hat in Deutschland sein Haus selbst gebaut und erklärte mir, dass man die Steine auf- und aneinander klebt.

Das Maurerhandwerk hier ist genau genommen zwei, vielleicht sogar drei Berufe. Man könnte das Aussuchen der Steine als einen Beruf sehen, das Behauen der Steine als den zweiten und das Setzen als den dritten. Ich muss also innerhalb von wenigen Tagen drei Berufe lernen, da kann man die Selbstzweifel mal in die zweite Reihe setzen.

Man steht also auf einem riesigen Steinhaufen und muss zunächst den richtigen Stein für die aktuelle Stelle suchen. Dazu muss man Form, Breite, Höhe und Tiefe abschätzen und feststellen, dass es nie einen Stein gibt, der sofort passt, wieviel Behau-Aufwand nötig sein wird, um ihn zügig setzen zu können. Dazu ist die Struktur des Steines wichtig, denn entweder man drischt auf ihn ein wie ein Ochse und nichts passiert oder man schaut ihn nur streng an und er fällt schon auseinander. Zwischenstufen gibt es nicht. Am tollsten ist es natürlich, wenn man 20 Minuten mit dem Meißel die Vorder-, Ober- und Unterseite geglättet hat und beim Setzen merkt, dass er hinten noch etwas gekürzt werden muss. Kein Problem, zwei Schläge mit dem Hammer und er bricht in zwei Teile.

Der Lehrling hat also gelernt, zuerst kommt das Grobe und dann das Feine. Das ist zweifelsohne nicht mein Beruf, meine Talente liegen, so es welche gibt, keinesfalls auf dem Bau. Macht aber nix, in 12 Tagen ist das Haus ja fertig. Ich werde bestimmt noch wochenlang von Steinhaufen träumen, die sich über mir auftürmen und mich auslachen. Von Steinen, die perfekt geformt daliegen und sich im Moment des Setzens in einen wunderschönen, aber völlig unpassenden Naturstein verwandeln. Von zerbröselnden, reißenden, meine Finger zerquetschenden Steinen, von krummen Hauswänden, von in Versprüngen tanzenden Steinen und von Wänden, die sich in dem Tempo, wie ich sie oben aufbaue, unten wieder abbauen.

Steine sind etwas wunderbares. Das Haus wird toll dastehen. Im Winter frostfrei und im Sommer kühl wird es innen sein und auch in der Regenzeit trocken. Einem Erdbeben wird es wieder nicht standhalten. Eine Holz- und Metallbauweise würde vielleicht den Erdstößen trotzen, doch das ist zu teuer. Das kann sich Ang Kaila nicht leisten. Die Ästhetik dankt, die Sicherheit nicht.

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Morgens halb neun in Nepal

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Der kleine, von dem man nicht weiß, wie groß er wird

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Wie zum Teufel kriegen die diese Ecken so hin?

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Kabel an Stecker geklebt, VDE-geprüft

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Das Körpergewicht nochmal auf dem Rücken

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Die Mauer verdeckt mir schon meinen Bezugspunkt.

4 Antworten : “Steine”

  1. Rowi sagt:

    Unsere Emotionen hier wechseln zwischen Mitgefühl(zerschundene Hände, kranker Magen), Achtung vor Deinem Mut und der Selbstdisziplin, Bewunderung für Deine Beweggründe und Freude darüber, was Du dort schaffst! Es ist ja eigentlich ein „Erschaffen“!
    Unser Schwabenspruch: Schaffa, schaffe, Häusle baua…
    Deins steht in Nepal, das hat kein Schwabe zu bieten!
    Sei umarmt von deiner Tante

  2. Jessica sagt:

    Wieder mal sehr schön zu lesen. Sind eine große Freude, Deine Berichte! Und Du hast genug Talente, da muss Steinhauen nicht dazu gehören. Kein Grund für weitere Zweifel 🙂
    Und: Wie heißt der Hund?
    Pass schön auf Dich auf.
    Liebe Grüße
    Jessica

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